Interviews mit Psychodynamiker:innen

Für die Gestaltung verfahrensübergreifender Online-Module darf die Perspektive von psychodynamisch arbeitenden Psychotherapeut:innen nicht fehlen. Mit 20 von ihnen durften wir Interviews führen. In diesem Blogeintrag geht es um die Erkenntnisse aus diesen Gesprächen.

 

Im Frühsommer 2022 geht mit TONI eine diagnose- und verfahrensübergreifende Intervention online, die im Rahmen der ambulanten psychotherapeutischen Praxis eingesetzt werden kann. Verhaltenstherapeutische Online-Interventionen sind gut erforscht. Auf Grund der Literatur können wir einen guten Einblick bekommen, wie Verhaltenstherapeut:innen zu Blended Care stehen und welche Anforderungen sie an Online-Module haben. Im Vergleich dazu gibt es nur sehr wenige psychodynamische Online-Interventionen. Auch fehlen Studien dazu, welche Anforderungen und Wünsche psychodynamische Psychotherapeut:innen überhaupt an Online-Module haben.

Deshalb befragten wir 20 Psychodynamiker:innen und 9 Systemiker:innen dazu, wie TONI aufgebaut sein müsste, welche Inhalte sie als wertvoll erachten und welche Aspekte wir bei der Entwicklung von Online-Modulen für das jeweilige Verfahren berücksichtigen sollten. Ihre Anregungen begleiteten den gesamten Entwicklungsprozess von TONI. 

Interviews mit Psychodynamiker:innen

Im aktuellen Blogeintrag fassen wir zusammen, welche Impulse die 20 befragten psychodynamisch arbeitenden Psychotherapeut:innen gaben.

Die Interviewten waren zum Erhebungszeitraum durchschnittlich 49 Jahre alt (Range: 31-81). 74% von ihnen sind weiblich. 70% arbeiteten als tiefenpsychologisch fundierte, 30% als analytische Psychotherapeut:innen. Zwei Psychotherapeut:innen gaben an, zusätzlich zur tiefenpsychologisch fundierten Fachkunde noch die systemische zu besitzen. Im Schnitt lag die Approbation 12,6 Jahre zurück (Range: 1-44).

Wie sind wir methodisch vorgegangen?

Alle Interviews wurden im Rahmen einer Masterarbeit mithilfe eines Leitfadens durchgeführt. Anschließend wurden die verschriftlichten Interviews mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) analysiert. Dabei wird in mehreren Durchläufen ein Kategoriensystem erstellt, mit dem man die Zitate inhaltlich strukturieren und auswerten kann. Dabei wählten wir ein induktiv-deduktives Vorgehen. Das bedeutet, dass sich einige Kategorien direkt aus dem Interviewleitfaden ableiten lassen und andere durch das Gesagte der Interviewten. Insgesamt wurden alle Interviews in vier Durchläufen kategorisiert, bis ein finales Kategoriensystem feststand. Das finale Kategoriensystem umfasste 71 Kategorien zu Materialien und Übungen, die die Psychodynamiker:innen bereits in ihrer Arbeit auch zwischen den Sitzungen einsetzten; zu psychodynamischen Anforderungen und möglichen Einsatzbereichen von Online-Modulen, sowie zu Vor-, Nachteilen und möglichen Inhalten vorgegebener Online-Module.

Welche Anforderungen stellen Psychodynamiker:innen also an Online-Interventionen wie TONI?

Online-Module gehen für die Befragten mit dem Vorteil einher, dass sie Patient:innen die Möglichkeit zu größerer Eigenständigkeit bieten. Sie müssten entsprechend so gestaltet sein, dass sie die Autonomie der Patient:innen fördern, „im Sinn von Ermunterung zur eigenständigen Mitarbeit und Verantwortungsübernahme für die Therapie“. Damit im Zusammenhang steht auch die Forderung nach Vielfalt (s. Zitat rechts). Verschiedenste inhaltliche Ansätze anzubieten, erlaube die flexible Auswahl nach Interessen und Bedürfnissen der Patient:innen. In vielen Themenbereichen, wie im Modul „Achtsamkeit“ macht TONI eine Vielzahl von Vorschlägen, aus denen die Patient:innen selbst aussuchen können, was zu ihnen passt. Außerdem gibt es in TONI 12 Module mit insgesamt 40 Kapiteln, die unabhängig voneinander flexibel ausgewählt werden können: So kann ein maßgeschneidertes, bedarfsspezifisches Angebot an Inhalten gemacht werden.

Eine gelungene Umsetzung von Online-Interventionen zeige sich auch im spielerischen Charakter von Inhalten. Online-Module sollten die Kreativität der Patient:innen anregen und Interesse wecken. TONI umfasst daher Audios, Videos, interaktive Übungen und Quizzes. Patient:innen werden angeregt, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen, wie etwa durch Schreibimpulse oder den Vorschlag, Symbole für eigene psychische Beschwerden auf Fotos oder Zeichnungen festzuhalten.

Darüber hinaus sei es für die Interviewten unabdingbar, dass die Nutzung der Module so unkompliziert wie möglich sei. Die technische Umsetzung erfolgte daher in enger Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern des TONI-Teams, die jahrelange Erfahrung in User Experience mitbrachten und Erkenntnisse aus einer Vielzahl erfolgreicher Projekte beisteuern konnten. Zudem konnten  wir einige Module in Fokusgruppendiskussionen prototypisch testen. Unter den Teilnehmenden waren Personen verschiedener Altersgruppen mit unterschiedlichsten Biografien. Mithilfe ihres wertvollen Feedbacks konnten wir die Module so gestalten, dass die Nutzung von TONI ganz einfach und intuitiv ist.

Genau wie in den Fokusgruppendiskussionen sowie den Interviews mit systemischen Psychotherapeut:innen wurde der Sprache in den Online-Modulen ein besonderes Gewicht beigemessen. Um eine Intervention zu entwickeln, die verfahrensübergreifend eingesetzt werden kann, sollte laut Psychodynamiker:innen insbesondere auf verhaltenstherapeutisch geprägte Begriffe verzichtet werden. Zur inklusiven, ermutigenden sprachlichen Gestaltung durchliefen alle TONI-Inhalte daher viele Feedbackschleifen und Lektorat durch verschiedene Psychotherapeut:innen, Patient:innen sowie einen Antidiskriminierungsexperten.

Die Psychodynamiker:innen kamen neben generellen Anforderungen an Online-Module auch auf Aspekte ihrer Einsatzbereiche zu sprechen. So hoben sie beispielsweise hervor, dass die Integration der TONI-Inhalte in die persönlichen Psychotherapiesitzungen gut abgestimmt sein sollte. Die Online-Inhalte sollten thematisch zu Sitzungen passen, und in den Sitzungen sollten Online-Inhalte aufgegriffen werden können. Dabei hilft die Vielfalt der Angebote in TONI, aus denen passende Themen ausgewählt werden können, sowie Impulsfragen zur Reflexion nach jedem TONI-Kapitel, die eine Brücke zur Psychotherapie schlagen.

Die Interviews haben uns gezeigt, dass es für Psychodynamiker:innen durchaus ein attraktiver Ansatz ist, Online-Module als Add-On zur Psychotherapie und über ein breites inhaltliches Spektrum hinweg anzubieten. Sie gaben praktische Hinweise zur Ausgestaltung der Module, sowohl auf der Ebene genereller Handhabung als auch zu konkreten Inhalten, Wörtern und Ideen. Ihr Input war an vielen Punkten im Prozess der Entwicklung von TONI entscheidungsleitend und ermöglichte die Gestaltung von TONI als eines der ersten verfahrensübergreifenden Online-Konzepte zur Unterstützung der Psychotherapie. Im weiteren Verlauf werden Akzeptanz, Machbarkeit und Wirksamkeit der Intervention untersucht. 

 

Mayring, P. (2010). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Beltz. Weinheim, 3, 58. 

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